Inhaltsverzeichnis
- 1. ADHS-Symptome bei Erwachsenen
- 2. Auswirkungen von ADHS auf Selbstbild, Beziehungen und Lebensgestaltung
- 3. Wie ADHS entsteht
- 4. Positive Aspekte von ADHS
- 5. Prominente mit ADHS
- 6. ADHS vs. ADS
- 7. Jungs vs. Mädchen mit ADHS
- 8. ADHS kommt selten alleine - psychische Begleiterkrankungen
- 9. ADHS-Diagnostik bei Erwachsenen
- 10. ADHS-Behandlung bei Erwachsenen – ein multimodaler Ansatz
- 11. Fazit: Gute ADHS-Therapie geht über reine Symptomreduktion hinaus
- Ich begleite dich online bei ADHS im Erwachsenenalter
1. ADHS-Symptome bei Erwachsenen
Die Symptome von ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) lassen sich in drei Hauptbereiche – die sogenannte Trias – einteilen: Aufmerksamkeitsstörung, Hyperaktivität und Impulsivität. In der folgenden Übersicht sind die wichtigsten Erscheinungsformen bei Erwachsenen zusammengefasst:
Aufmerksamkeit
- Ablenkbarkeit
- Prokrastination
- Verlegen von Gegenständen (Handy, Portemonnaie)
- Probleme mit rotem Faden
- Mangelhafte Organisation
Hyperaktivität
- Innere Unruhe
- Kaum Entspannung möglich
- Vermeidung von Situationen, in denen man stillsitzen muss
- Wahl von Berufen mit der Möglichkeit sich zu bewegen / mit Abwechslung
Impulsivität
- Dazwischenreden
- Impulsdurchbrüche (Kaufen, vorschnelle Entscheidungen)
- Geringe Frustrationstoleranz
- Schwierigkeiten in Wartesituationen
1.1 Aufmerksamkeitsstörung
Bei ADHS liegt eine Reizfilterstörung des Gehirns vor. Betroffene springen schnell zwischen Gedanken und Aufgaben hin und her. Doch das bedeutet nicht, dass die Aufmerksamkeit grundsätzlich eingeschränkt ist: Bei Tätigkeiten, die man besonders interessant findet, kann die Konzentration über lange Zeit sehr hoch sein. ADHS-Betroffene sind oft auch sehr gut darin sich neue Inhalte autodiaktisch beizubringen. Beeinträchtigt ist vor allem die Daueraufmerksamkeit auf Aufgaben, die weniger motivierend oder reizvoll sind.
1.2 Hyperaktivität
Kinder mit ADHS kippeln auf ihrem Stuhl und laufen in unpassenden Situationen herum. Wenn ADHS bis ins Erwachsenenalter bleibt, zeigt sich die Hyperaktivität eher durch innere Unruhe oder Schwierigkeiten, zur Ruhe zu kommen. Manche Betroffene wippen dennoch mit den Beinen, hantieren mit Stiften oder haben permanent das Bedürfnis, sich zu bewegen. Im besten Fall wird der Beruf so gewählt, dass Bewegung und Abwechslung möglich sind, um der inneren Unruhe entgegenzuwirken.
1.3 Impulsivität
Betroffene reagieren oft spontan, gehen mit ihren Gefühlen durch und blenden mögliche Folgen aus. Impulsivität kann nahezu alle Lebensbereiche durchziehen – vom hitzigen Wortwechsel in Beziehungen, über Impuls-Käufe bis hin zu riskanten Manövern im Straßenverkehr.
2. Auswirkungen von ADHS auf Selbstbild, Beziehungen und Lebensgestaltung
Die Symptomatik der neurobiologischen Entwicklungsstörung führt meist schon im Kindesalter zu Misserfolgen, Anecken und Ausgrenzerfahrungen. Dies wiederum begünstigt ein negatives Selbstbild. So entstehen Grundannahmen wie „Ich kriege nichts hin“, „das wird eh nichts“, „Ich bin anders als die anderen“. Damit einhergehen oft Scham und Schuldgefühle.
Betroffene reagieren dann vielfach mit Vermeidung und Rückzugstendenzen. So entstehen Beziehungsabbrüche, instabile Beziehungen sowie psychische Folgeerkrankungen (u.a. Depression, Angststörungen oder Suchterkrankungen; siehe unten unter „ADHS kommt selten alleine“).
Doch selbst wenn das nicht der Fall ist, bleiben Menschen mit ADHS viel zu oft hinter ihren Möglichkeiten zurück. Viele tun sich schwer damit einen passenden Job in einem passenden Arbeitsumfeld zu finden. Entsprechend sind berufliche Misserfolge verbreitet und entsprechend bunt sehen oft die Lebensläufe aus.
Im Alltag fällt es extrem schwer Routinen aufzubauen, nicht ständig zu spät zu kommen oder etwas zu vergessen (Termine, Abos kündigen, Schlüssel, Portemonnaie, Handy). Selbst regelmäßig zu essen oder zu trinken gelingt oft nicht, besonders wenn man im Tunnel/Hyperfokus ist. Tatsächlich sind auch alltägliche sowie schwere Unfälle häufiger.
3. Wie ADHS entsteht
ADHS ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung mit Beginn in der Kindheit. Die Ursachen sind multifaktoriell. Allerdings ist der genetische Faktor höher als bei sonstigen psychischen Erkrankungen. Bei Verwandten 1. Grades besteht ein 5-10-fach erhöhtes Erkrankungsrisiko. Es gibt nicht das eine ADHS-Gen, sondern es handelt sich um ein komplexes Zusammenspiel mehrerer Gene.
Zudem wirken sich umweltbedingte Risikofaktoren wie u.a. vorgeburtlicher mütterlicher Stress, Substanzkonsum während der Schwangerschaft und Frühgeburt negativ aus. Auch negative psychosoziale Bedingungen wie frühkindliche Benachteiligung und schädliches Verhalten der Mutter bzw. wichtiger Bezugspersonen haben einen Einfluss.
4. Positive Aspekte von ADHS
ADHS ist eine Normvariante des menschlichen Seins. Als Vergleich nehmen wir mal die Körpergröße. Wenn man 2,20 groß ist, fällt das auf. Man hat Nachteile, bspw. ist es schwieriger Schuhe zu kaufen. Doch da sind auch die Vorteile, z.B. beim Basketballspielen.
ADHS ist also nicht nur Gegenwind, sondern in manchen Bereichen auch Rückenwind. Viele Menschen mit ADHS sind ausgesprochen kreativ und originell, voller Energie und Tatendrang, neugierig, risikobereit und charmant.
5. Prominente mit ADHS
- Margot Robbie (Schauspielerin)
- Will Smith (Schauspieler)
- Jim Carrey (Schauspieler)
- Justin Timberlake (Sänger)
- Serena Williams (Tennisspielerin)
- Michael Phelps (Schwimmer)
- Jamie Oliver (TV-Koch)
- Richard Branson (Gründer Virgin Group)
- Ingvar Kamprad (Gründer von Ikea)
6. ADHS vs. ADS
Das H in ADHS steht für Hyperaktivität. ADS wird als eine Unterform von ADHS verstanden, bei der vor allem Störungen der Aufmerksamkeit und Impulsivität dominieren, während die motorische Unruhe im Hintergrund bleibt.
Der Zappelphilipp illustriert ADHS, Hans Guck-in-die-Luft ADS. Menschen mit ADS sind eher verträumt und erscheinen nach außen ruhiger, kämpfen jedoch innerlich mit ständiger Zerstreuung und Schwierigkeiten, den Fokus zu halten.
Es ist wissenschaftlich strittig, ob ADS als eigenständige Form existiert. Manche Experten betonen, dass Hyperaktivität bei Erwachsenen oft innerlich auftritt – als ruhelose Gedanken oder emotionale Turbulenzen – und nicht zwingend sichtbar ist. Stattdessen plädieren sie für eine einheitliche ADHS-Diagnose, die Symptome altersgerecht berücksichtigt.
7. Jungs vs. Mädchen mit ADHS
ADHS wird bei Jungen und Männern häufiger diagnostiziert, was auf auffälligere Hyperaktivität zurückzuführen ist. Mädchen und Frauen bleiben öfter unerkannt, da ihre Symptome meist subtiler sind. Ein wesentlicher Aspekt dabei ist, dass Mädchen durch gesellschaftliche Erwartungen stärker zur Anpassung erzogen werden – sie lernen früh, ihre Unruhe zu kaschieren und „brav“ zu wirken.
Bei Frauen äußert sich ADHS häufig als „stummes Leiden“: innere Unruhe, emotionale Dysregulation und Perfektionismus erschweren die Diagnose erheblich. Viele Frauen suchen deswegen erst im Erwachsenenalter Hilfe.
8. ADHS kommt selten alleine - psychische Begleiterkrankungen
In nur 5-35% der Fälle tritt ADHS ohne weitere psychiatrische Erkrankungen auf. Am häufigsten sind Angststörungen, Depression und Suchterkrankungen als sogenannte Komorbiditäten. Ebenfalls verbreitet sind Traumafolgestörungen, Autismus-Spektrum-Störungen, Persönlichkeitsstörungen wie z.B. die Borderline-Störung oder bipolare Störungen.
9. ADHS-Diagnostik bei Erwachsenen
Die Diagnostik kann im Prinzip von psych. Psychotherapeut:innen (Psycholog:innen mit Approbation) oder Fachärzt:innen (Psychiater:innen, Neurolog:innen oder Kinder- und Jugendpsychiater:innen) durchgeführt werden. Gleichwohl bieten das nur manche Praxen an.
Die offizielle ADHS-Diagnose erfordert eine umfassende Anamnese (ausführliches Gespräch), und standardisierte Fragebögen. Wenn vorhanden werden auch die Grundschulzeugnisse mit ihren schriftlichen Verhaltensbeschreibungen angeschaut.
Bei der Diagnostik wird überprüft, ob eine aktuelle ADHS-Symptomatik vorliegt UND ob die Symptome auch schon in der Kindheit vorhanden waren. Denn wenn ADHS vorliegt, kann es nicht erst im Erwachsenenalter entstehen, sondern muss auch schon in der Kindheit vorgelegen haben.
Darüber hinaus muss überprüft werden, ob die Symptomatik durch andere Erkrankungen bedingt ist (siehe vorheriger Abschnitt). Hierfür ist auch eine hausärztliche Untersuchung wichtig. So kann bspw. eine Schilddrüsenüberfunktion als Erklärung der Symptome ausgeschlossen werden.
ADHS tritt mit vielen anderen Erkrankungen zusammen auf. Dies ist ebenfalls im Gespräch und mittels Fragebögen abzuklären.
Diagnostik schafft Klarheit und die allermeisten sind erleichtert, wenn Gewissheit da ist, ob ADHS vorliegt oder welche Erklärung es sonst für die Beschwerden gibt. Hinzu kommt: Eine saubere Diagnostik ist die Basis für jede Therapie.
10. ADHS-Behandlung bei Erwachsenen – ein multimodaler Ansatz
10.1 ADHS-Medikamente – Chancen und Grenzen
Eine gesicherte Diagnose ist die Voraussetzung für jede medikamentöse Behandlung von ADHS. Am besten wird die Medikation von einer Psychiaterin oder einem Psychiater verschrieben. Auch Hausärzt:innen können theoretisch ADHS-Medikamente verordnen, sofern die Diagnose gut dokumentiert ist. In der Praxis scheuen sich allerdings viele davor, auch weil ein BTM-Rezept notwendig ist.
ADHS-Medikamente zielen darauf ab, die Konzentration zu verbessern und Impulsivität zu reduzieren. Dabei ist es wichtig, auf andere Substanzen wie Alkohol oder Drogen zu verzichten, um die Wirkung nicht zu beeinträchtigen. Bereits bei leichtgradiger Symptomatik kann eine medikamentöse Behandlung sinnvoll sein, da Medikamente den größten unmittelbaren Einfluss auf die ADHS-Symptome haben.
In den letzten Jahren sind neue medikamentöse Optionen auf den Markt gekommen. Lisdexamfetamin (Elvanse) wird oft besser vertragen, hat einen geringeren Rebound-Effekt als klassische Stimulanzien und wirkt länger.
Zu den gängigen ADHS-Medikamenten gehören:
- Methylphenidat (MPH), z. B. Medikinet adult oder Ritalin, ein klassisches Stimulans.
- Lisdexamfetamin (Elvanse), ein lang wirkendes Stimulans mit guter Verträglichkeit.
- Atomoxetin (Strattera), ein Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer, der nicht zu den Stimulanzien gehört.
Medikamente alleine sind meist nicht die Lösung, weil die Symptomatik (wie oben unter Auswirkungen erwähnt) meist zu Misserfolgen, Anecken, Ausgrenzerfahrungen und Beziehungsproblemen führt. Dies wiederum führt zu einem zumindest in Teilen negativen Selbstbild und negativen Grundannahmen. Dies können Medikamente nicht verändern. Therapie hingegen schon.
10.2 Hilfreiche Strategien im Alltag bei ADHS
- Fester Schlaf-Wach-Rhythmus und ausreichend Schlaf
- Feste Tagesstruktur mit Routinen
- Ausreichend Bewegung / aktive Pausengestaltung
- Regelmäßiger intensiver Sport, der bestenfalls Spaß macht
- Spannende und inspirierende Freizeitaktivitäten
- Klare Absprachen, z.B. bzgl. Haushalt, Familie, Teamarbeit
10.3 Psychotherapie bei ADHS
Psychotherapie bei ADHS ist immer individuell und orientiert sich an den persönlichen Erfahrungen und der eigenen Lerngeschichte. Wichtig ist, zunächst zu erkennen, an welchen Stellen im Alltag hoher Leidensdruck besteht und welche Muster immer wieder zu Schwierigkeiten führen.
Ein zentrales Ziel der Therapie ist die Förderung kognitiver Flexibilität – also die Fähigkeit, flexibel auf innere und äußere Reize zu reagieren, anstatt automatisch impulsiv zu handeln. Siehe hierzu auch meinen Blogartikel zur Akzeptanz- und Commitmenttherapie.
Methoden wie Achtsamkeit und Strategien zur Stresstoleranz unterstützen dabei, innere Unruhe zu regulieren und belastende Situationen besser zu bewältigen.
Darüber hinaus lernen Betroffene, gut mit sich selbst umzugehen, sich nicht ständig selbst zu kritisieren und stattdessen Ressourcen- und lösungsorientiert zu handeln. Die therapeutische Arbeit pendelt dabei zwischen Akzeptanz und Veränderung: Es geht nicht darum, das eigene Wesen zu ändern, sondern einen konstruktiven Umgang mit den eigenen Besonderheiten zu entwickeln.
So entsteht Schritt für Schritt mehr Selbstsicherheit, Handlungsfreiheit und die Fähigkeit, das Leben im Einklang mit den individuellen Bedürfnissen zu gestalten.
Ich unterstütze dich gerne auf deinem Weg! Hier gibt´s mehr Infos: https://svenja-adamek.de/
11. Fazit: Gute ADHS-Therapie geht über reine Symptomreduktion hinaus
Wirksame ADHS-Therapie setzt an inneren Haltungen, Grundannahmen und erlernten Mustern an und ermöglicht nachhaltige Veränderungen in Selbstbild, Beziehungen und Lebensführung. So entstehen neue innere und äußere Handlungsspielräume für eine selbstbestimmte Lebensgestaltung.
Therapie bedeutet dabei nicht, dein Wesen zu verändern, sondern den Umgang mit deinen neurobiologischen Besonderheiten zu verstehen, zu regulieren und konstruktiv in dein Leben zu integrieren.
Ein zentraler Teil davon ist, die eigene Nische zu finden und das Leben so auszurichten, dass es zu deinen individuellen Besonderheiten passt. Dazu gehört auch, kognitive Flexibilität zu entwickeln – um nicht automatisch auf innere und äußere Reize zu reagieren, sondern Wahlmöglichkeiten im Denken und Handeln aufzubauen.
Ich begleite dich online bei ADHS im Erwachsenenalter
Bist du unsicher, ob ADHS der Grund für deine Schwierigkeiten ist? Ich begleite dich bei der ADHS-Diagnostik, damit wir Klarheit über deine Situation gewinnen und du genau weißt, woran du bist.Darüber hinaus unterstütze ich dich therapeutisch dabei, belastende Muster zu erkennen, zu verstehen und zu verändern. Damit dein Leben wieder leichter und freier wird.
Quelle: Vortrag im Rahmen von FOKUS ADHS Go, Dr. Roy Murphy, 2023









